Factual Entertainment Summit 2015

Als letzte Woche eine Mail vom Medienwissenschaften-Institut kam, dass es Freiakkreditierungen für den Factual Entertainment Summit gibt, habe ich mich ehrlich gesagt in die Liste eingetragen, ohne zu wissen, was Factual Entertainment überhaupt ist. Nach dem Googlen habe ich kurz überlegt, ob ich da wirklich hingehen möchte, weil ich damit jetzt spontan eher so gruseliges Zeug wie Bauer sucht Frau, Schwiegertochter gesucht und Adam sucht Eva verband. Aber hey, Freiakkreditierungen, ne?

Vom ersten Beitrag von Betrand Villegas von THE WIT war ich dann positiv überrascht. Sehr interessant klingende Formate wie The Secret Life of 4 Year Olds, Back in Time for Dinner und Who Do You Think You Are (davon hatte ich vorher sogar schon mal gehört), was mich zu folgendem Tweet veranlasste:

 
Danach gab es Beiträge von Ed Levan von Warner Bros. TV Production, vor allem mit sehr großen, international erfolgreichen Formaten (und Back in Time for Dinner) und mit der den Erfolgsfaktoren start with a great local idea, prepare to be patient (bei großartigen Formaten nicht sofort aufgeben, wenn es nicht direkt bei der Masse ankommt), use the power of your peers to innovate and improve und let factual formats evolve (die Welt ändert sich, Formate müssen sich an Zeit und Kultur angepasst werden), Richard Thomson von Wall To Wall mit anderen international erfolgreichen Formaten und noch mal Back in Time for Dinner, diesmal mit einem kleinen Blick hinter die Kulissen (Entstehung möglich durch Dokumentation des Essverhaltens britischer Familien über Jahrzehnte und großer Aufwand durch Kulissen wie in einem Spielfilm) und Kate Phillips und Phil Schmid von BBC International, die den Erfolg von “Feel Good”-Shows mit der schlechten Wirtschaftslage weltweit und generell britischen Formaten mit der weltweiten Liebe für britischen Humor begründeten und ein großartiges Format als eines, bei dem man gerne selbst dabei wäre, definierten.

Anschließend folgte eine kurze Gesprächsrunde mit den Youtubern Diana von DFashion und Jonas von UFONETV sowie Christian Meinberger vom Multi Channel Network Studio 71. Die fand ich persönlich jetzt eher langweilig, weil wir das ganze “Was ist Youtube, was macht das anders als Fernsehen, wie bist du eigentlich dazu gekommen, wie kann bzw. will man Youtube und Fernsehen verbinden?” ja irgendwie schon durch haben.

Als letztes gab es ein Abschlusspanel zur Lage am deutschen Markt, die der Moderator Torsten Zages von DWDL mit meinem Tweet einleitete und die Anwesenden bat, in der Vorstellungsrunde zu sagen, wie sie speziell denn in den letzten Jahren das deutsche Factual Entertainment bereichert haben. Sehr spaßig.

Factual Entertainment Summit Abschlusspanel

Jobst Benthues von RedSeven erwähnte unter anderem Married At First Sight, Roman Beuler vom ZDF eine Sendung über Menschen, die die Inhalte ihres Kellers zu Geld machen (war das Boris der Trödelprofi? Ich kenne mich anscheinend wirklich nicht gut aus), Peter Werse von ITVP Germany eine Sendung mit irgendwelchen, die mal bei Schwiegertochter gesucht mitgemacht hatten und Juliane Eßling von infoNetwork diverse RTL-Formate mit zum Beispiel Christopher Posch, Christian Rach und Helena Fürst. Ich kann mich leider nicht daran erinnern, was Philipp Bitterling vom WDR sagte, was vermutlich daran liegt, dass ich es nicht furchtbar fand.

Ich musste wirklich lachen bei der Runde. Das ZDF-Format habe ich mal kurz im Vorbeizappen gesehen und finde es unfassbar langweilig, die anderen Beispiele waren genau die überdramatisierten, gescripteten Fremdschämformate, die mir bei “Factual Entertainment” vorher so eingefallen waren und die ich ganz entsetzlich finde.

Im weiteren Verlauf des Panels gab es aber noch einige interessante Punkte, die ich kurz in Stichpunkten festhalten möchte:

  • generell sind wir in Deutschland den Skandinaviern näher als den Briten (die ja vorher den Hauptteil des Programms ausmachten) und in Großbritannien wird sich generell viel mehr getraut, dabei entstehen aber auch krasse Formate wie Why Don’t You Speak English, die hier sicher niemals laufen könnten
  • deutsche Sender trauen sich selten an Originalformate, weil es einen großen Erfolgsdruck gibt, es wird lieber funktionierendes/Trends übernommen oder adaptiert
  • gleichzeitig wurde allerdings gesagt, dass es sehr wohl viel Eigenentwicklung gibt, was vor allem in bewährten Formaten/Digitalprogrammen kurz angetestet und dann eventuell weiterentwickelt wird, vor allem in der letzten Zeit
  • dem WDR ist internationaler Erfolg gar nicht so wichtig wie Formate, die das eigene Programm weniger erwartbar scheinen lassen
  • Factual ist groß im Kurs, weil die Hürde niedriger ist: es lassen sich schnell und mit wenig Aufwand Probefolgen drehen, was für fiktionale Formate schwieriger ist
  • große Trends: Fight (Daseinsbewältigung, was machen andere falsch und ich richtig?) und Flight (dem Alltag entfliehen, Landfrauen beim Kochen zusehen etc.)
  • anderer Trend: länger draufhalten, länger am tatsächlichen Geschehen dranbleiben, weniger Narration über O-Töne
  • zu Youtube:
    • die Zielgruppen sind ganz anders, bei Youtube oft sehr beschränkt, aber die Entwicklung ist weiter zu beobachten.
    • momentan gibt es noch keine wirklichen Verbindungsmöglichkeiten, ein Versuch ist meist eher negativ für alle Beteiligten
    • es geht Youtubern selten um das Ziel, irgendwann mal ins Fernsehen zu kommen, ein Zusammenwachsen erscheint gar nicht zielführend
    • interessanter ist die Entwicklung im Streaming-Bereich (Netflix, Amazon), vor allem im Hinblick auf die Entwicklung eigener Formate (das kam von RedSeven, nicht von einem der Sender)

Alles in allem war das ein sehr interessanter Tag mit vielen Einblicken in einen mir bisher wenig bekannten Bereich, wunderschönen britischen Akzenten und leckeren Burritos von der Burrito Bande. Und ich hätte jetzt gerne 2 Wochen Urlaub, um die ganzen THE WIT- und BBC-Formate zu gucken.

(Foto von HMR International)