An den Herrn Kardinalstaatssekretär…

Herr Bertone,

ich bin bestimmt die 13297., die heute irgendwas zu Ihren netten Äußerungen sagt, aber ich tu es trotzdem. Ich, 21, Studentin der katholischen Theologie auf Lehramt, Messdienerin, Ansprechpartnerin für die KjG in der Gemeinde, Vorsitzende der Leiterrunde für die Jugendarbeit und Mitglied im Ortsausschuss des Pfarrgemeinderats. Ja, ich bin wohl ziemlich katholisch, würden die meisten Menschen sagen. Katholisch erzogen, schon immer mit den Eltern mit in die Kirche gegangen, bei allen möglichen Gemeindeaktionen dabei und jetzt auf dem Weg, später mal Kindern ihre Religion näher zu bringen.
Joa, ziemlich katholisch.

Und genau deswegen will ich jetzt auch mal was sagen.
Jetzt sind also die Schwulen für die Missbrauchsfälle in der Kirche verantwortlich. Aha. Interessant.
Der Heilige Vater hatte doch in seinem Hirtenbrief noch den “schnelllebigen sozialen Wandel” und die Tatsache, dass den Priestern Zeit für Besinnung und Gebet fehlt, als Ursache erklärt!?

Da haben Sie sich wohl mal wieder nicht vernünftig abgesprochen, aber das war ja noch nie Ihre Stärke.

Aber zurück zum Thema: “Viele Psychologen und Psychiater haben nachgewiesen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und der Pädophilie gibt, aber viele andere haben gezeigt und mir kürzlich versichert, dass ein Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie besteht. Das ist die Wahrheit, und das ist das Problem”.
Was waren das denn für Psychologen? An der Universität des Opus Dei studiert? Gar nicht studiert? Erfunden? Von wem, von Ihnen?

Ist mir eigentlich egal, aber dass Sie das so erwähnen, ist mir nicht egal. Die ganze Welt schreit, dass die gestörte Sexualmoral der katholischen Kirche verantwortlich ist und Sie suchen nach einem, auf den sie die Schuld schieben können. Und was kommt Ihnen da in den Sinn? Na wunderbar, die bösen Schwulen mal wieder… (Ich habe es soooo satt und dazu kommt auch noch ein Blogeintrag, irgendwann bald)

Okay, gehen wir mal auf den Punkt “Wer ist Schuld” ein.
Die meisten Menschen sagen, der Zölibat sei Schuld.
Ich sehe das ein wenig anders. Die Tatsache, dass Priester ihre sexuellen Bedürfnisse nicht ausleben können, als Grund dafür, dass sie sich dann an Kindern vergehen, anzunehmen, ist zu einfach. Und nicht plausibel. Ein Kölner Priester könnte ganz einfach nach Paderborn in ein Bordell fahren seine sexuellen Bedürfnisse da mit irgendwem befriedigen. Die Gefahr, dass das rauskommt, dürfte wesentlich geringer sein, als wenn er sich an einem Kind in der Gemeinde vergeht.
DASS die sexuelle Enthaltsamkeit erst eine krankhafte Neigung bedingt, halte ich auch für wenig plausibel.

Was ich allerdings für durchaus logisch halte ist, dass der Zölibat dafür verantwortlich ist, dass prozentual viele Männer mit einer gestörten Sexualität in den Priesterdienst eintreten. Denn die wenigsten “normalen” Männer können sich vorstellen, ihr ganzes Leben ohne eine Frau (oder einen Mann) an ihrer Seite zu verbringen, niemals die Möglichkeit zu haben, wirklich zu lieben und geliebt zu werden.
Und wenn diese Männer mit ihrem gestörten Verhalten zu Sex dann erst mal Priester sind, dann haben sie niemanden, an den sie sich mit ihren Problemen wenden können. Weil das Thema Körperliche Liebe in der Kirche totgeschwiegen wird. Sex ist dazu da, innerhalb einer vor Gott geschlossenen Ehe, Kinder zu zeugen. Alles andere ist unkeusch.
Da liegt das Problem. Und darin, dass sich die Täter nahezu sicher sein können, dass ihr Verhalten so gut wie keine Konsequenzen haben wird, weil die Kirche seit jeher alles daran gesetzt hat, alle negativen Schlagzeilen zu vertuschen.

Daran muss sich etwas ändern! An der Situation IN der Kirche! An der Sexualmoral der Kirche. Es kann auch nicht sein, dass mit Bibelstellen argumentiert wird, die Jahrhunderte alt sind, während andere Bibelstellen, die der Kirche so nicht in den Kram passen, längst nicht mehr so eng gesehen werden, weil gesagt wird, dass das nur da so steht, weil die Menschen damals andere Vorstellungen hatten.

Und vor allem muss die Kirche wieder glaubwürdiger werden.

Ich werde mich jedenfalls dafür einsetzen, ob es Ihnen passt oder nicht.
Und das ist mittlerweile so ziemlich der einzige Grund, warum ich trotz all dem Müll, den Sie und ihre Kollegen in der Kurie da verzapfen, noch Religionslehrerin werden will. Ich möchte den Kindern die Grundlagen des Glaubens näher bringen. Und was ist das wichtigste Gebot!? Ja genau, danke. Vielleicht gucken Sie sich das auch noch mal an, ehe Sie mal wieder über die Schwulen hetzen.

Mit freundlichen extrem schlecht gelaunten Grüßen,
Vera

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